Schule ohne Rassismus
„Rassismus ist eine spezifische Form von Seelenblindheit.“ Dieses Zitat des deutschen Philosophen und Pädagogen Andreas Tenzer trifft das Engagement vieler Menschen und Organisationen, die sich weltweit gegen Rassismus einsetzen, auf den Punkt. Darunter sind auch viele Schulen in Deutschland. Im Februar 2026 wurde in Bad Belzig die Grundschule- Geschwister-Scholl als bundesweit 5000. Schule in das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aufgenommen. Carolin Jahrow und Stefanie Wolf, beide Lehrerinnen für Deutsch, Englisch, Medien und Sachunterricht einer 3. Klasse, freuen sich ganz besonders über die Auszeichnung. „Frau Jahrow,“ erzählt Stefanie Wolf, „hatte letztes Schuljahr die Idee sich gegen Rassismus einzusetzen. Anlass war nicht der Name der Schule, sondern die Überzeugung, dass es eine Projektgruppe geben muss, die immer wieder Gelegenheiten schafft, die Themen Rassismus, Toleranz oder Ausgrenzung in den Schulalltag zu integrieren. Davor gab es durch den Namen der Schule zwar immer wieder Einzelprojekte, die das Thema ‚Was wir von den Geschwistern Scholl lernen können’ aufgriffen, was ihr aber nicht weit genug ging.“
Kaum lag die Idee auf dem Tisch, machten sich die Lehrerinnen an die Arbeit. Stefanie Wolf: „Im Zuge unserer Projektarbeit setzen sich die Kinder der 6. Klassen zunächst mit den Geschwistern Scholl auseinander. Im Gewi-Unterricht wird das Thema dann mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufgegriffen. Im Deutschunterricht sprechen sie über die Courage der Geschwister und ihre Biografie. Danach führten dieses Jahr zwei 6. Klassen ein Interviewprojekt durch, bei dem der Bürgermeister zu den Themen Rassismus und Geschwister Scholl befragt wurde. Außerdem zeigte ein Vertreter des Bündnisses ‚Brandenburg zeigt Haltung’. Bei der Vorbereitung für die Interviews wurden die Kinder durch eine Journalistin unterstützt.“
Doch das ist längst nicht alles. Bereits seit acht Jahren studiert eine 6. Klasse mit Hilfe des Deutschlehrers David Wolf selbst geschriebene Theaterstücke zum Gedenken an die Geschwister Scholl ein. Das diesjährige Theaterstück „Zukunft“ wurde über mehrere Wochen entwickelt und geprobt. Stefanie Wolf: „Die Kinder erarbeiten dabei nicht nur biographische Schwerpunkte, sie erfahren auch welchen Mut die Geschwister Scholl bewiesen haben. Und wir weisen darauf hin, welche aktuellen Bezüge es gibt. So wurden letztes Jahr Zitate von politischen Personen sprachlich untersucht. 2026 stand das Gedicht von Kurt Bartsch ‚Adolf Hitler ganz allein’ im Zentrum der Auseinandersetzung. Während der Proben wird der Inhalt des Stücks dann immer wieder angepasst, weil die Kinder oft noch tolle Ideen einbringen.“
Besonders stolz sind die Lehrerinnen auf die Kunst- und Musikprojekte ihrer Schülerinnen und Schüler. Stefanie Wolf: „Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Vielfalt – Gemeinsam sind wir stark’ realisieren wir durch die Kooperation mit der Kreismusikschule Potsdam-Mittelmark und unseren Musik- und Kunstlehrkräften. Bei den vier Stücken, die wir dieses Jahr im Kunstunterricht hörten, sprachen wir mit den Kindern auch über die Bedeutung von Freundschaft und dem ‚Anders sein’. Dazu wurden thematisch passenden Bilder gemalt.“ Bei den Stücken handelt es sich unter anderem um „Wunderfinder“ (Alexa Faeser, adaptiert durch die Musiklehrerin Sabine Duschl), „Gemeinschaft macht stark“ (adaptiert und umgetextet durch Lea Bajorat, KMS Potsdam-Mittelmark) oder „Echte Freunde“ (Die Schule der magischen Tiere – adaptiert und umgetextet durch Lea Bajorat,).
Kommen wir zur dunkleren Seite des Engagements. Viele Kinder werden von Eltern, Freunden oder Verwandten mit Vorurteilen gegen anders aussehende Menschen, die oft auch einer anderen Religion angehören, konfrontiert. An der Grundschule-Geschwister-Scholl lernen rund 30 Prozent der Kinder mit Nicht-deutscher Muttersprache. Wie vermeiden sie Konflikte? Stefanie Wolf: „Natürlich gibt es diese Konflikte zwischen den Kindern, aber auch mit den Eltern. Hier helfen immer nur individuelle Gespräche, in denen die Situation gemeinsam beleuchtet wird. Sinnvoll ist dabei ein empathisches Gespräch, in welchem alle Perspektiven betrachtet werden.
Präventive Arbeit ist dabei aber ebenso wichtig. Wir lesen dieses Jahr beispielsweise in allen 3. und 4. Klassen das Buch ‚Irgendwie Anders’ von Kathrin Cave und regen die Kinder dadurch an, selbst Situationen zu finden in den sie ausgeschlossen wurden. Das Thema Rassismus muss dabei jedoch gar keine direkte Rolle spielen, da es für jüngere Kinder häufig zu abstrakt ist. Wir setzen hier eher darauf immer wieder die Fragen zu stellen: Wie wollt ihr miteinander leben? Was wünscht ihr Euch dabei für Euch selbst? Wie können wir diese Wünsche allen ermöglichen? Es geht also darum Werte und Haltungen bereits an kindlichen Spielsituationen und Auseinandersetzungen zu verdeutlichen.“ Wie werden die Eltern konkret miteinbezogen? „Die Eltern der Schülerinnen und Schüler in den 6. Klassen,“ erklärt Stefanie Wolf, „werden zum Beispiel darüber informiert, wenn es Interview- oder Theaterprojekte zu den Geschwistern Scholl gibt. Bisher gab es glücklicherweise nur vereinzelt Eltern, die nicht wollten, dass ihr Kind in so einem Theaterstück öffentlich auftritt. Mehrheitlich erhalten wir aber positive Rückmeldungen. Auch hier ist es sinnvoll, nicht über den aufgeladenen Begriff Rassismus an das Thema heranzugehen, sondern über die Themen Courage oder Vielfalt.“
Mit welchen Problemen hat die Grundschule am häufigsten zu kämpfen? Stefanie Wolf: „Unsere größte Hürde ist es von Rassismus betroffene Menschen zu finden, die sich öffentlich dazu äußern. Wir erhalten auf Anfragen entweder keine Reaktion oder es besteht die Sorge, selbst Opfer von weiteren Anfeindungen zu werden. Dabei spüren wir immer wieder, dass nicht alle hinter dem stehen, was wir tun. Hinzu kommt die mediale Verbreitung in den sozialen Medien, in denen es immer wieder negative Kommentare zu unserer Arbeit gibt. Stehen schwierige Elterngespräche aufgrund rassistischer Äußerungen an, werden diese nicht allein geführt. Wann immer es möglich ist, erhalten wir hier Unterstützung durch die Schulleitung. Außerdem haben wir im Kollegium zwei Fortbildungen zum Umgang mit diesem Thema gemacht. Aufgeben kommt für uns nicht infrage. Weil Gleichheit, Toleranz, Freiheit und Menschenwürde nicht nur zur Demokratie gehören, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung ist. Insbesondere in der Schule ist die Förderung von Toleranz und Courage wichtig. Der Geist wächst nur in einer sicheren Umgebung und nicht in Angst.“
Jetzt sind Sie gefragt:
Haben Sie auch ein Projekt? Gibt es an Ihrer Schule etwas, dass beispielgebend für Kolleginnen und Kollegen ist? Sind sie in einer Sache an Ihrer Schule stark engagiert oder möchten Sie auf das Engagement anderer aufmerksam machen? Dann wenden Sie sich an unsere Autorin Dona Kujacinski: dona@donakujacinski.de. Die Journalistin stellt im Auftrag des MBJS „Projekte und Pioniere“ vor.
