KI an der Grundschule
Ohne Visionäre wäre unsere Welt ärmer. Eine Vision beschreibt ein Zielbild, ein lebendiges Konzept, um die Welt im möglichst positiven Sinne besser zu machen. An der Neue Grundschule Potsdam gibt es vier Visionärinnen, die sich mit der Veränderung der Lernkultur beschäftigen und sich dem Einsatz von KI ab Klasse 1 verschrieben haben: Schulleiterin Wenke Funke (54), ihre Stellvertreterin Kerstin Rosenthal (52), Kristin van der Meer (44), Leiterin des thematischen Teams Unterrichtsentwicklung und Ulrike van der Meer (41), Leiterin des Teams Öffentlichkeitsarbeit. „Uns vier und unsere 35 Kolleginnen und Kollegen,“ sagt Wenke Funke, „verbindet das Interesse, Lernen zeitgemäß zu gestalten und unsere Lernenden früh zu selbstständigem Denken zu befähigen. Dabei geht es uns weniger um Technik als um die Frage, wie Kinder lernen, Fragen zu stellen, ihren Lernweg zu strukturieren und ihre Ergebnisse zu reflektieren.“
Die Idee, Digitalität als einen Schwerpunkt in der Grundschule zu verankern, entstand nicht aus einem Impuls heraus, sie entwickelte sich seit 2004 kontinuierlich. 2017 nahm die Schule am Projekt „medienfit Grundschule“ teil, danach war sie an der Pilotierung der Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts beteiligt. Den größten Schub bekam der digitale Unterricht in der Corona-Pandemie. „In dieser Zeit mussten wir Wege finden, den Unterricht sowohl als Distanz- als auch im Präsenzunterricht digital zu organisieren“, erklärt Wenke Funke. „Danach war uns klar, dass digitales Lernen dauerhaft Teil unserer Unterrichtskultur bleiben wird. Als ab 2022 KI-Systeme breiter verfügbar wurden, legten wir zunächst die analogen Grundlagen: Kinder lernen zuerst Fragen zu stellen, Arbeitsschritte zu planen und Ergebnisse zu überprüfen. Danach wurde KI in kleinen, klar begrenzten Szenarien erprobt – etwa bei der Wortschatzarbeit, beim Strukturieren von Arbeitsschritten oder beim Feedback zu kurzen Texten. Der erste Einsatz von KI in Klasse 1 fand 2023 statt.“
Das Wichtigste: KI wird an der Grundschule ausschließlich dort eingesetzt, wo sie Lernprozesse sinnvoll unterstützt. Deshalb können sie die Kinder aus der ersten Klasse nicht von Beginn an nutzen. Die Lehrkräfte arbeiten mit ihnen zunächst analog: Sie lernen Beobachtungen zu beschreiben, Fragen zu formulieren und Arbeitsschritte zu planen. Dazu kommen das Erlernen von grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und das Verstehen einfacher Arbeitsaufträge. Erst dann kommt die KI zum Einsatz.
Wenke Funke: „Unser Grundprinzip lautet: KI wird nicht früh eingesetzt, weil Kinder die Technik bedienen können, sondern weil sie zuvor Lernstrategien entwickelt haben. Kinder, die Probleme mit KI haben, zum Beispiel mehr Zeit für den Umgang damit brauchen, werden mit klaren Hilfestrukturen wie Prompt-Karten mit einfachen Satzanfängen, Symbolen oder Beispielen unterstützt. Außerdem nutzen wir Partnerarbeit: Ein Kind formuliert eine Frage, das andere tippt sie ein, danach tauschen sie die Rollen. Wichtig ist uns, dass niemand gezwungen ist, KI zu verwenden. Kinder können denselben Arbeitsschritt auch mit analogen Materialien bearbeiten, etwa mit Satzbaukarten, Wörterlisten oder Lernplakaten. Unterm Strich basiert unsere Lernkultur auf einem Wechselspiel aus selbstständigem Denken, Austausch und gezielter Unterstützung.“
Auf die Frage, ob KI für die eigene Kreativität nützlich oder schädlich ist, antwortet Wenke Funke: „Um die eigenen Ideen weiterzuentwickeln oder eine persönliche Ausdrucksweise zu finden, gibt es viele Aufgabenformate ohne KI – etwa beim freien Schreiben, Zeichnen, Musizieren oder Gestalten. Gelegentlich vergleichen wir dann die Arbeiten mit und ohne KI und reflektieren gemeinsam, wann KI beim Strukturieren hilft und wann nicht. Kurz, die Kinder sollen lernen die KI im kreativen Bereich vor allem als Ideengeber, Struktur- oder Feedbackpartner einzusetzen. Bei Podcasts lassen sich die Kinder beispielsweise verschiedene Einstiegsmöglichkeiten vorschlagen, entscheiden anschließend selbst welche Variante zu ihrer Idee passt und formulieren ihre Texte dann in ihrer eigenen Sprachweise um. Beim Filmemachen unterstützt KI häufig den Aufbau eines Drehbuchs in dem sie die unsortierten Gedanken der Kinder in eine klare szenische Reihenfolge bringt. Die Rollenverteilungen und Dialoge entstehen weiterhin im Team der Kinder.“
Viele Menschen sehen in der künstlichen Intelligenz ein großes Risiko: Das selbstständige Denken wird verlernt oder KI ersetzt irgendwann den Menschen. Wenke Funke: „Wir wissen von diesen Vorbehalten, da sie teilweise auch von einigen Eltern geäußert werden. Um ihnen die Skepsis zu nehmen, reagieren wir mit Transparenz, also Einblicken in den Unterricht. Haben Eltern beispielsweise Sorge, dass ihr Kind durch KI das eigenständige Schreiben verlernt, zeigen wir Schreibmappen, in denen der gesamte Schreibprozess sichtbar ist. So entsteht meist schnell Vertrauen. Generell nehmen wir mögliche Risiken jedoch sehr ernst und arbeiten mit klaren Regeln: KI darf im Unterricht Denkprozesse begleiten, aber nicht ersetzen. Außerdem lernen die Kinder KI-Antworten kritisch zu prüfen und mit anderen Quellen zu vergleichen. Persönliche oder sensible Themen werden grundsätzlich nicht in KI-Systeme eingegeben. Unser Ziel: Kinder müssen lernen zu verstehen, dass KI ein Werkzeug ist. Das eigene Denken dagegen bleibt entscheidend für ihre Zukunft.“ Die langfristigen Ziele durch den Einsatz von KI beschreibt Wenke Funke so: Erstens lernen die Kinder früh, gute Fragen zu stellen, Informationen zu prüfen und zu begründen. Das stärkt Medienkompetenz und Urteilsfähigkeit. Zweitens unterstützt KI die Kinder dabei, ihren Lernprozess stärker selbst zu steuern – etwa beim Planen von Arbeitsschritten oder beim Überarbeiten von Ergebnissen. Drittens ermöglicht KI eine individuellere Unterstützung, weil Kinder schneller die Hilfe bekommen können, die sie gerade brauchen. Wichtig ist uns dabei: Die entscheidenden Kompetenzen sind nicht die einzelnen Tools, sondern Fähigkeiten wie Reflexion, Selbststeuerung und Verantwortung für das eigene Lernen.“
Wie cool finden die Kinder KI? Antworten von Klasse 1 bis 4:
„Ich mag KI, weil ich schneller Ideen finde, wenn mir Wörter fehlen. Ist die Antwort zu schwer, frage ich oder schaue im Buch nach.“
„KI hilft, wenn ich einen Plan brauche, zum Beispiel für ein Plakat.“
„Ich schreibe meine Geschichten lieber selbst und nutze KI erst danach als Feedback.“
„Mich interessiert, warum KI manchmal Fehler macht.“
Jetzt sind Sie gefragt:
Haben Sie auch ein Projekt? Gibt es an Ihrer Schule etwas, dass beispielgebend für Kolleginnen und Kollegen ist? Sind sie in einer Sache an Ihrer Schule stark engagiert oder möchten Sie auf das Engagement anderer aufmerksam machen? Dann wenden Sie sich an unsere Autorin Dona Kujacinski: dona@donakujacinski.de. Die Journalistin stellt im Auftrag des MBJS „Projekte und Pioniere“ vor.
