Integratives Theaterprojekt

Projekte und Pioniere_Integratives Theaterprojekt_Finsterwalde Sängerstadt Gymnasium, Schule Sieben Brunnen©Doris Seiler

Wenn sich die Musiklehrerin Doris Seiler (57) an ihren ehemaligen Schüler Sebastian Weber erinnert, der 2019 zu ihr sagte: „Frau Seiler, so viel Mitmenschlichkeit auf einer Bühne habe ich noch nie erlebt“, wird ihr bis heute warm ums Herz. Im Jahr zuvor hatte die Lehrkraft am Sängerstadt-Gymnasium in Finsterwalde zusammen mit ihren Kolleginnen von der Schule Sieben Brunnen mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ in Finsterwalde, den Sonderpädagoginnen Anette Jäpel (56) und Susanne Körner (38) das Bühnenstück „Hans im Glück“ inszeniert, in dem die Schülerinnen und Schüler beider Schulen das erste Mal gemeinsam auftraten. Doris Seiler: „Die Idee stammt von Frau Jäpel, der Schulleiterin der Förderschule, die mich vor 10 Jahren auf ein gemeinsames integratives Theaterprojekt mit ihren Schülern und unseren Gymnasiasten ansprach. Ich war begeistert und hätte das Projekt am liebsten sofort umgesetzt, doch die Planung und eine praktikable Lösung zu finden brauchte Zeit. Und so dauerte es noch fast zwei Jahre, bis ich die Konzepte zur Studien- und Berufsorientierung sowie zur inhaltlichen Ausrichtung der Teamarbeit entwickelt hatte. Außerdem mussten externe Partner und Sponsoren gefunden werden, die räumlichen, zeitlichen, organisatorischen und logistischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.“ Die Mühe hat sich gelohnt. Seit 2018 gibt es nicht nur den eigens für das Projekt gegründeten Seminarkurses „Co-Produktion“ des Sängerstadt-Gymnasiums, die Gymnasiasten der 12. Jahrgangsstufe standen seitdem auch mit den Schülerinnen und Schülern der Förderschule Sieben Brunnen in Stücken wie „Hans im Glück“, „Der kleine Prinz“, „Alice im Wunderland“, „Das Dschungelbuch“ oder 2025/2026 „Peter Pan“ auf der Bühne. Was im März 2027 gespielt wird, ist noch offen. 

Wie einfach ist es die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten für das Schul-Projekt zu begeistern? Doris Seiler: „Es stellt immer wieder eine Herausforderung dar, sie dafür zu gewinnen, was in erster Linie mit Unsicherheiten zu tun hat. Zum Beispiel mit dem Umgang der Förderschülerinnen und Förderschülern. Also: Wie begrüße ich sie? Auf was muss Rücksicht genommen werden? Hinzu kommt gelegentlich auch das eine oder andere Vorurteil. Aber ich darf sagen, dass die Vorbehalte oder Hemmungen mit Unterstützung von Frau Jäpel und Frau Körner stets schnell ausgeräumt werden konnten. Bereits im 2. Halbjahr der 11. Klasse führen meine Kolleginnen bei einem Projekttag des Seminarkurses Gespräche über geistige und körperliche Besonderheiten der Förderschülerinnen und Förderschüler unterschiedlichen Alters, aus denen sich dann Anregungen für die gemeinsame Arbeit ergeben und belehren sie über den Datenschutz und die Verschwiegenheitspflicht.“

Was können die Schülerinnen und Schüler voneinander lernen? Anette Jäpel und Susanne Körner: „Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums können im emotional-sozialen Bereich viele neue Erfahrungen gewinnen und im zwischenmenschlichen Miteinander lernen. Sie lernen Vorurteile abzubauen und Geduld im gemeinsamen Lernen aufzubringen. Durch gegenseitige Rücksichtnahme und eine Entwicklung vom defizitären Gedanken weg, erwerben sie Möglichkeiten der Differenzierung und der Vermittlung von Lerninhalten. Sie lernen klare einfache Anleitungen zu geben und modellhaft Handlungsabfolgen zu vermitteln und erleben dabei, dass Leistung nicht nur kognitiv ist, sondern viele Facetten hat. Die Schülerinnen und Schüler der Förderschule sammeln vor allem Erfahrungen im Bereich der Teilhabe und Selbstentwicklung. Sie orientieren sich an den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten durch vielfältige Interaktionen und werden in ihrer Kommunikation gefördert. Auf der Bühne zu stehen, bestärkt ihr Selbstvertrauen. Sie erleben sich als gleichwertigen Teil einer Gruppe, erlernen neue Fähigkeiten und wachsen so über sich hinaus. Wichtig bei der Rollenbesetzung ist es, den Schülerinnen und Schülern der Förderschule, die Sprachprobleme haben, kleine Sprechrollen zu geben. Jugendliche, die sich mehr merken können und eine deutliche Aussprache haben, erhalten Hauptrollen. Wer von ihnen welche Rolle bekommt, darüber entscheiden Anette Jäpel und Susanne Körner.

Was halten die Eltern vom Projekt? Doris Seiler: „Alle sind beindruckt. Unserem Schulleiter Ulli Biesold wurde sogar vorgeschlagen, uns für den Brandenburgischen Anerkennungspreis „Stark durch Teilhabe“ zu bewerben. Gesagt, getan. Wir waren tatsächlich erfolgreich und erhielten 2025 den mit 1.500,00 Euro dotierten 10. Anerkennungspreis.“

Was ist für die Lehrinnen die schönste Anerkennung? Anette Jäpel und Susanne Körner: „Die Arbeit erfüllt uns mit sehr viel Stolz und versetzt uns regelmäßig in Erstaunen. Die Schülerinnen und Schüler berühren uns immer wieder und überraschen mit vielen Entwicklungsfortschritten, die man ihnen so gar nicht zugetraut hätte. Das beflügelt uns in unserer Arbeit und motiviert.“ Doris Seiler ergänzt: „Beeindruckend ist es als Lehrkraft, junge Talente zu entdecken und zu fördern, mitzuerleben, wenn zwischen den Jugendlichen aus beiden Schulen keine Unterschiede mehr zu erkennen sind oder zu erleben, wie unsere Gymnasiastinnen und Gymnasiasten durch eigene Ideen und ohne Anstoß von Lehrerseite die Förderschülerinnen und Förderschüler mit Freude anleiten.“
Zurück zu den Emotionen. „Am stärksten berührte mich, als der Förderschüler Niclas Eisenbarth 2024 das erste Mal seinen Michael-Jackson-Tanz aufführte und ihn im März 2025 als einziger der Prämierten zur Preisverleihung in Potsdam tanzte,“ erzählt Doris Seiler. „Herzerwärmend war auch der Moment, als John Manig, ein Jugendlicher mit Down-Syndrom, zusammen mit Franz Wirges ein Duett sang und als John danach Franz umarmte und vor Freude weinte. In solchen Momenten spüre ich, wie wichtig unsere Arbeit ist und dass wir die Welt ein bisschen besser gemacht haben.“

Und auch die Förderschülerinnen und Förderschüler sind stolz. Taylor Wiedecke: „Uns macht die Arbeit im Theaterprojekt viel Freude, weil wir in dieser Zeit auch ins Gymnasium gehen können.“ Nils Jentsch fügt hinzu: „Es ist schön anderen zeigen zu dürfen, was wir gelernt haben. Und wir freuen uns über die Belohnungen, die wir von Frau Jäpel und von Frau Körner für unsere Mühe bekommen. Ganz besonders mögen wir die Übernachtung in der Schule und das gemeinsame Frühstück.“

Jetzt sind Sie gefragt:
Haben Sie auch ein Projekt? Gibt es an Ihrer Schule etwas, dass beispielgebend für Kolleginnen und Kollegen ist? Sind sie in einer Sache an Ihrer Schule stark engagiert oder möchten Sie auf das Engagement anderer aufmerksam machen? Dann wenden Sie sich an unsere Autorin Dona Kujacinski: dona@donakujacinski.de. Die Journalistin stellt im Auftrag des MBJS „Projekte und Pioniere“ vor.


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