Erasmus+/eTwinning-Projekt

Projekte und Pioniere_THATS IT©Nancy Neumann

Wer geht nicht gern auf Schatzsuche? Die Vorfreude, etwas zu suchen und zu finden, das glücklich macht, kennt jeder Mensch. Liudmyla Reznikov (43), viersprachig (Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Englisch), seit 2022 Lehrerin für Mathematik und WAT an der Otto-Tschirch-Oberschule in Brandenburg an der Havel hat ihren Schatz 2023 mit dem Erasmus+/eTwinning-Projekt „THAT’S IT!“ (Treasure Hunt Across Technology, Self-Improvement, Teamwork) gefunden. „Die Idee entstand  auf der Fachtagung ‚Best of Erasmus’ in Berlin, an der ich als Erasmus+/eTwinning Koordinatorin und Datenschutzkoordinatorin der Schule teilnahm,“ erzählt sie.  „Dort wurde ein Musikstück aus dem Film ‚Fluch der Karibik’ gespielt und ich dachte sofort: Das wird mein erstes Projekt, eine Schatzsuche! Aber eine besondere, die den Schülerinnen und Schülern zeigen soll, dass der größte Gewinn im eigenen Mut, der Freude am Lernen und in der Kraft des Zusammenhalts liegt.“ Liudmyla Reznikov war damals neu bei eTwinning, dem digitalen Teil des Erasmus+ Programms und nahm zunächst an fünf bestehenden eTwinning-Projekten teil, um eigene Erfahrungen zu sammeln und zuverlässige Partner kennenzulernen. Erst danach wagte sie sich an ihr eigenes Projekt „THAT’S IT!“, das später mit dem ersten Deutschen eTwinning-Preis ausgezeichnet wurde. „Mir war wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler über sich hinauswachsen, mehr an sich glauben und ihre sozialen, interkulturellen und digitalen Kompetenzen stärken.
So entstand die Idee, all diese Bereiche miteinander zu verbinden. Was vermehrt sich, wenn man es teilt? Richtig: Wissen. Und genau das stand im Mittelpunkt des Projekts. Die Realität zeigt, dass sich die beteiligten Schülerinnen und Schüler nun immer mehr trauen, ‚an Türen zu klopfen’, weil sie wissen: Auch wenn sich nicht jede Tür sofort öffnet, wird es früher oder später funktionieren. Sie entwickeln mehr Geduld und Zuversicht und geben nicht so schnell auf. Rückblickend darf ich sagen: Nicht nur die Schülerinnen und Schüler haben sich weiterentwickelt, sondern auch wir,  die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer. Wir haben erlebt, dass Kreativität wie eine unsichtbare Superkraft Mut schenken kann, Neues auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen.“ 

„THAT’S IT!“ war eine Reise während eines Schuljahrs mit mehreren Stationen, an der fünf Partnerschulen aus Deutschland, der Türkei, Polen, Griechenland und Rumänien teilnahmen, die später ihren Platz auf einer interaktiven Schatzkarte fanden. Dazu gehörte beispielsweise die Station "Die Brücke der Nettigkeit", bei der Schülerinnen und Schüler der teilnehmenden Länder Idiome untersuchten, die als Komplimente gemeint waren und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihren Sprachen entdeckten. Oder der "Berg der Menschenrechte", bei dem sie die Rolle der Frauen in Geschichte und Wissenschaft erforschten. Am Ende stand ein Appell in sechs Sprachen (die fünf Landessprachen plus Englisch), an alle Mädchen, dass sie sich trauen sollen, das zu sein, was sie möchten - unabhängig von bestehenden Stereotypen oder Druck von außen. Liudmyla Reznikov: „Wie wichtig Englisch dabei war, beschrieb der 15jährige Daniel, als wir im Rahmen einer Klassenfahrt bei Microsoft in Dänemark zu Gast waren und die Mitarbeiter zu unserem Projekt interviewt wurden. Er sagte: ‚Ich bin so begeistert, hier sein zu dürfen. Jetzt weiß ich, warum ich Englisch lernen muss!’. Bis auf diese Klassenfahrt war der Austausch rein digital. Die Jugendlichen haben im sogenannten TwinSpace miteinander kommuniziert – einem geschützten virtuellen Klassenzimmer auf der EU-Plattform.“

Wird es weitere Reisen geben? „Ja,“ sagt Liudmyla Reznikov. „eTwinning ist wie gesagt ein rein digitaler Austausch, der aber immer wieder mit persönlichen Begegnungen kombiniert wird. In unserem aktuellen Projekt ‚Stronger Together, Stronger Within’, das auf ‚THAT’S IT! ’ aufbaut, wird es deshalb in der letzten Phase im Mai 2026 auch ein persönliches Treffen mit den italienischen Schülerinnen und Schüler in Mailand geben, bei dem auch Interviews bei italienischen Unternehmen geplant sind.“ Wie wichtig das Projekt „THAT’S IT!“ für die Entwicklung der Persönlichkeit junger Menschen ist, beantworten zwei Schülerinnen. Sofia (15) sagt: „Vielen Dank, Frau Reznikov, dass Sie uns so sanft aus unserer Komfortzone pushten. Uns wurde dadurch immer klarer, dass wir mehr können, als wir selbst von uns erwartet hatten. Denn nur so bekommt man Mut auf das Neue.“ Maria (15) fügt hinzu: „Nach dem Projekt merke ich, dass es keine zu großen Ziele im Leben gibt. Man muss alles nur genau planen und stets an sich arbeiten.“ Wirkt sich ein solches Projekt auch auf die Berufswahl der Schülerinnen und Schüler aus? Liudmyla Reznikov: „Als Schule mit hervorragender Beruflicher Orientierung legen wir großen Wert auf sogenannte ‚Skills for Life’. Und zwar nicht nur für den Job, sondern generell darauf, dass die Schülerinnen und Schüler neue Chancen in der Berufswelt entdecken. eTwinning und Erasmus+ Projekte eignen sich dafür besonders gut. Die Inhalte der Projekte können und werden bei uns in die Lehrpläne integriert – egal, ob es sich um das Fach WAT, Englisch, LER, Geografie, Politische Bildung, oder sogar Mathematik handelt, wie in dem Vorgängerprojekt ‚Gamified School’“. 

Ihre Projekte sind für Liudmyla Renzikov auch Herzensangelegenheiten. Deshalb ist die Antwort auf die Frage, welche Schatzsuche sie bisher am meisten berührte, nicht einfach. „Jede war wichtig, weil jede eine andere wichtige Kompetenz gefördert hat. Drei würde ich jedoch gern hervorheben: ‚Human Rights Mountain’, die oben beschrieben ist, ‚Mascot Design Forest’, ein kompletter Produktentwicklungszyklus von der Idee bis zum fertigen Produkt, bei dem die Schülerinnen und Schüler – unterstützt von den Lehrkräften – alles selbst gemacht haben und die Methode ‚Design Thinking’ und ‚Time Capsule’, das kreative Schreiben von Briefen an sich selbst im Alter von sechs bis zwanzig Jahren.“ Nach einer kleinen Pause fügt sie hinzu, dass ihre Projekte auch die Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Hat ihn Liudmyla Renzikov gefunden? „Ich glaube, es ist nicht zu übersehen, wie leidenschaftlich und mit wie viel Herzblut ich an meinen Lehraufgaben und Projekten hänge. Das gebe ich offen zu. Für mich bedeutet Bildung nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch junge Menschen zu ermutigen, an sich selbst zu glauben und demokratische Werte wie Respekt, Verantwortung, Offenheit, Freiheit oder Toleranz zu leben sowie sich eine gesunde Neugier auf die Welt zu bewahren.“  

Jetzt sind Sie gefragt:
Haben Sie auch ein Projekt? Gibt es an Ihrer Schule etwas, dass beispielgebend für Kolleginnen und Kollegen ist? Sind sie in einer Sache an Ihrer Schule stark engagiert oder möchten Sie auf das Engagement anderer aufmerksam machen? Dann wenden Sie sich an unsere Autorin Dona Kujacinski: dona@donakujacinski.de. Die Journalistin stellt im Auftrag des MBJS „Projekte und Pioniere“ vor.


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