Leben retten
Alle 12 Minuten erhält in Deutschland ein Mensch die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs, weltweit alle 27 Sekunden. Bei Kindern ist Blutkrebs nach wie vor die häufigste Form. Viele von ihnen können ohne eine lebensrettende Stammzellenspende nicht überleben. Am Oberstufenzentrum Barnim, kurz OSZ I, in Bernau hat die Rettung lebensgefährlich Erkrankter seit 2013 oberste Priorität. Ines Kattanek (52), Lehrerin für Wirtschaft, Verwaltung und Sozialkunde: „Das Thema entstand während einer Projektentwicklung der Fachbereichskonferenz ‚Gesunde Schule’. Die Idee war, junge Menschen in der ersten Phase ihres Alltags dafür zu sensibilisieren, dass Gesundheit nicht nur am Arbeitsplatz wichtig ist, sondern dass man generell möglichst lange fit und leistungsfähig bleibt. Es entstand der ‚Tag der Gesundheit’, der längst schulweit organisiert und fester Bestandteil des Unterrichts ist.“
Seit 2013 ist DKMS mit an Bord, am 6. September 2021 erhielt das OSZ I das Siegel der Stiftung. Simone Schumacher (57), Lehrerin für Deutsch und Psychologie und seit 2022 Schulleiterin: „Wir haben bei DKMS eine feste Ansprechpartnerin für die Veranstaltungen. Und seit 2017 sind wir deutschlandweit das einzige Oberstufenzentrum, das eine Schulgesundheitsfachkraft beschäftigt. Seit 2022 ist das Maxi Pöhl.“ Wie läuft ein „Tag der Gesundheit“ ab? Maxi Pöhl (39): „Wir gehen mit den Schülerinnen und Schülern in den Austausch zu unterschiedlichen Gesundheitsthemen. Dazu organisiert DKMS die Auftaktveranstaltung, unterstützt das Programm mit fachkundigen Rednerinnen und Rednern und stellt die Test-Materialien bereit. Bei Fragen von interessierten Spenderinnen und Spendern stehen den Jugendlichen unser Schulsanitätsdienst und ich zur Verfügung.
Manchmal wird die Aufklärungsklärungsarbeit auch von Menschen, die an Blutkrebs erkrankt sind, unterstützt.“ Viele Jugendliche scheuen das Thema Krankheit. Damit sich das ändert, bietet das OSZ I Projekte an, die sich mit Nachhaltigkeit und Gesundheit befassen. Ines Kattanek: „Im Unterricht können Klassen die Lernplattform ‚Froach’ nutzen. Und es gibt in der Schülerkonferenz die Möglichkeit, eigenständig Projekte oder Verbesserungen vorzuschlagen.“ Simone Schumacher: „Innerhalb der Klassen werden viele Präventionsprojekte durchgeführt. Sie behandeln Themen wie Stressbewältigung, Mindset und Kommunikation, aber auch Themen wie Alkohol- und Drogenkonsum sowie Erste Hilfe – stets auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern. Die Inhalte werden dabei individuell an das jeweilige Bildungsniveau angepasst. Und wir unterstützen Projektideen aus der Schülerschaft. So wurden gemeinsam mit einer Schülerin Informationsmaterialien zum Thema ‚Häusliche Gewalt’ in den Damentoiletten ausgehängt, um diese niedrigschwellig zugänglich zu machen.“ Ein weiteres wichtiges Element: Im Sprechzimmer von Maxi Pöhl werden verschiedenste persönliche Themen besprochen, bei denen die Schülerin, der Schüler ganzheitlich betrachtet wird. Das bedeutet, dass nicht nur die schulische, sondern auch die persönliche, familiäre und soziale Situation in den Blick genommen werden. Simone Schumacher: „Aufgrund ihrer fundierten medizinischen Expertise sichert Maxi Pöhl die schulische Teilhabe chronisch erkrankter Schülerinnen und Schüler durch kontinuierliches Gesundheitsmonitoring, bedarfsgerechte pflegerische Maßnahmen sowie eine fachlich adäquate Akutintervention bei plötzlich auftretenden gesundheitlichen Krisen und nutzt dafür ihr breites Netzwerk im Gesundheitssektor.“
Gibt es Jugendliche, die sich diesem Gesundheitskonzept entziehen? Simone Schumacher: „Ja. Im letzten Jahr merkten wir, dass sich die Schülerschaft verändert hat und unser Konzept nicht mehr erfolgversprechend war. Also suchen wir mit DKMS nach einem neuen Konzept, um die nachfolgenden Generationen besser auf das Thema Knochenmarkspende und Blutkrebs aufmerksam zu machen. So versuchen wir im Wirtschaftsbereich ein Crowdfunding zu organisieren.“ Maxi Pöhl: Und wir haben ab September ein neues Angebot für die Schülerinnen und Schüler: den Vorkurs Gesundheit. Die Jugendlichen der MfA-Klassen werden in die Rolle der Workshopleiter schlüpfen und zukünftige Generationen an das Thema heranführen. Eine Vorbildfunktion haben auch unsere rund 20 Schulsanitäterinnen und Schulsanitäter, die jedes Jahr auf Ferientage verzichten, um ihre Prüfung abzulegen.“ Lisa Frenzel (42), Biologie- und Gesundheitslehrerin, ergänzt: „Durch ihre Berufswahl bringen die MFA- und ZFA-Auszubildenden eine hohe Sensibilität für eine Vielzahl schwerwiegender Erkrankungen mit. Wir nutzen dieses Wissen, um im Unterricht den Fokus von der Ohnmacht gegenüber der Diagnose hin zur aktiven Handlungsmöglichkeit zu lenken. Der offene Diskurs über persönliche Erfahrungen im Zusammenhang mit medizinischer Aufklärung ist unser wirksamstes Mittel gegen Ängste. Die Auseinandersetzung mit Krankheit oder Tod ist ja nicht einfach. Doch der offene Diskurs wirkt als eine Art ‚Reifebeschleuniger‘. Wir beobachten, dass die Auszubildenden dadurch eine professionelle Empathie entwickeln, die sie befähigt, in ihrem Beruf nicht nur zu ‚funktionieren‘, sondern den Patientinnen und Patienten mit echter Anteilnahme zu begegnen. Wenn die Azubis beginnen das Thema Gesundheit als schützenswertes Gut aktiv in ihre Praxen und Familien zu tragen, wissen wir, dass unsere pädagogische Arbeit Früchte trägt.“
Und wie denken die Schülerinnen und Schüler über das Thema? Rika Refermat (19) vom Beruflichen Gymnasium: „Gesundheit ist nicht nur ein ‚Schul-Thema‘, es ist so vieles mehr. Ich bin volljährig und habe mich bei DKMS registriert. Meine Eltern unterstützen mich darin, wie bei jeder guten Tat. Da wir in unserer Familie schon mit dem Tod und dem Verlust von Familienmitgliedern umgehen mussten, sind wir der Meinung, dass jedes Leben, das gerettet werden kann, jede Chance verdient. Hinter den Betroffenen steckt ja nicht ‚nur’ ein Menschenleben, dahinter verbergen sich die Schicksale der Angehörigen. Eltern, die ein Kind verlieren, Freunde, deren Eltern schwer krank werden. Ihnen muss man mit aller Kraft zur Seite stehen. Leben retten! Dieses wichtige Thema gehört zu unserer aller Verantwortung. Deshalb sage ich: Spendet! Rettet Leben. Es kann so schnell vorbei sein. Ich möchte Ärztin werden oder Lehrerin. Aber vor allem möchte ich eines: Menschen helfen, gesund zu leben und ihnen erklären, wie wichtig Gesundheit ist.“
Bis heute registrierten sich an der OSZ I 390 Menschen für eine Knochenmarkspende. Bei vier von ihnen kam es zu einer tatsächlichen Stammzellenspende.
Jetzt sind Sie gefragt:
Haben Sie auch ein Projekt? Gibt es an Ihrer Schule etwas, dass beispielgebend für Kolleginnen und Kollegen ist? Sind sie in einer Sache an Ihrer Schule stark engagiert oder möchten Sie auf das Engagement anderer aufmerksam machen? Dann wenden Sie sich an unsere Autorin Dona Kujacinski: dona@donakujacinski.de. Die Journalistin stellt im Auftrag des MBJS „Projekte und Pioniere“ vor.
